Mitgefühl für Monster – Überlegenheit als Basis von Empathie (…not).

Mitgefühl für Monster – Überlegenheit als Basis von Empathie (…not).

Aus dem rundum wunderwunderschönen und interessanten Essay „The Lives of Animals“ von J.M. Coetzee kommt folgender Gedanke, der mich gerade umtreibt und sich im Grunde zu folgendem Satz komprimieren lässt: Mitgefühl für andere Lebewesen kann historisch erst dann entstehen, wenn der Mensch sich seines Sieges über jene sicher ist:

Angry Wolf„People complain that we treat animals like objects, but in fact we treat them like prisoners of war. Do you know that when zoos were first opened to the public, the keepers had to protect the animals against attacks by spectators? The spectators felt the animals were there to be insulted and abused, like prisoners in a triumph.
We had a war once against the animals, which we called hunting, though in fact war and hunting are the same thing (Aristotle saw it clearly). That war went on for millions of years. We won it definitively only a few hundred years ago, when we invented guns. It is only since victory became absolute that we have been able to afford to cultivate compassion.

J. M. Coetzee, The Lives of Animals, Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1999, S. 155

Es ist natürlich Unsinn zu glauben, wir hätten diesen Krieg gegen Tiere (für immer oder in überhaupt irgendeiner Weise) gewonnen – allerdings muss man zugeben, dass bis heute eben jene widerständigen Arten, die wir noch immer bekämpfen, diejenigen sind, denen gemeinhin Mitleid und Empathie am ehesten verwehrt bleiben: Krankheitsüberträger wie Mücken oder Ratten, landwirtschaftliche Schädlinge aller Art, Schlangen, Milben, Würmer, Quallen, Flöhe, Zecken und jegliches Getier, dass sich vom Menschen unkontrolliert in eigenem Rhythmus fortpflanzt, wie etwa Tauben oder Hasen und Kojoten andernorts.

[Das Buch mit dem schönen Titel Trash Animals: How We Live with Nature’s Filthy, Feral, Invasive, and Unwanted Species hab ich übrigens auch auf meiner Liste stehen.]

Überlegenheit ist ja sicher nicht Voraussetzung für die Fähigkeit zu Mitleid, beziehungsweise zur „sympathetic imagination“ wie es bei Coetzee heißt. Im Gegenteil argumentieren die meisten, sowohl Tierrechtler, Tierschützer, als auch Theoretiker abseits der liberal-humanistischen Rechtstradition [dazu werde ich bald mal schreiben], eher über die Schiene der Annäherung und auf Basis  bestimmter Gemeinsamkeiten, sei es aus kognitionsbiologischer Perspektive (Oh, es kann sich im Spiegel erkennen! Na dann!) oder aus einem gemeinsamen Schicksal heraus, der geteilten Sterblichkeit zum Beispiel (so im Sinne von: die Basis des Mit-Leidens liegt zunächst mal in der gemeinsamen Leid-Fähigkeit aller Lebewesen). Also eher: Wir Menschen sind gar nicht soviel besser/stärker/schlauer als das Tier, sondern allesamt sehr ähnlich, also sollten wir uns auch entsprechend verhalten.

Klar ist allerdings auch: was mich bedroht, oder bedrohlich wirkt, also mir im Krieg oder im Kampf gegenübersteht, fällt in der Regel zunächst aus dem Raster des Betrauerbaren Lebens heraus.  Und die Frage ist, ob man im Angesicht einer Gefahr, die durchaus auch aus der gemeinsamen Sterblichkeit, aus der gemeinsamen Verletzlichkeit erwächst, Mitleid empfinden kann. Das Problem liegt vielleicht in einer Hierarchisierung beider Affekte: Angst (aus Verletzlichkeit) steht höher bzw. verdrängt die Fähigkeit Mitzuleiden (die wiederum auch auf Verletzlichkeit beruht) – zumindest in unserer Denktradition. Wie also mitfühlen, ohne dass Überlegenheit Voraussetzung ist?

Ich glaube es muss möglich sein (und ich glaube, abseits meines ziemlich engen, westlich-modernen Kulturkreises gibt und gab es solche Mensch-Tier-Beziehungen schon tausendfach), auch Angst bzw. Bedrohung und Mitleid zu vereinbaren. Und das bitte ohne das Wörtchen „Respekt“, das  mir eben so in den Kopf hüpft, wenn ich an westliche Vorstellungen animistsicher Naturvölker à la Pocahontas denke –  da steckt nämlich auch wieder Angst mit drin. Aber allein die Notwendigkeit einer Hierarchisierung solcher Affekte lässt sich bereits schnell dekonstruieren: als ob unsere affektive Kapazität einem Wasserglas gleich irgendwann voll wäre. Und dann was – schwappt alles über?

An diesem Punkt mach ich Schluss und verweise schon mal auf Astrid Schraders Abyssal Intimacies – wo es nämlich um eine Möglichkeit von „Care About“ und Mitgefühl geht, ohne, dass das Ziel dieser Hinwendung bekannt oder näher definiert wäre. Also auch eine potentielle Bedrohung sein kann.

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